| Ein Blick zurück und zwei nach vorn (Sven Thiermann) |
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Radio, ein Ding für sich, ein Ding an sich. Ende der 70er: Die elterliche Küche wird aufgerüstet und erhält ein modernes Transistorradio mit UKW-Empfang. Der alte kleine Röhren-MW-Empfänger darf daher ins Kinderzimmer wechseln. Mein erstes regelmäßiges, eigenes Hören damit war die dienstägliche Volksmusiksendung von Radio DDR1, die zwar den Vorteil hatte, genau zur Zu-Bett-Geh-Zeit zu laufen, aber recht bald dem Überreichweitenempfang von SR1, der "Europawelle Saar" des Saarländischen Rundfunks weichen musste. Entdeckt in den Wintermonaten bei atmosphärisch besserer Empfangslage, später bis ins weite Frühjahr hinein bei täglich sich verschlechterndem Signal verfolgt, waren stenographierte Media-Control-Hitlisten ("Top100") meine Annäherung an das, was man als Jugendlicher irgendwie wissen musste. Selbst diejenigen in meiner Klasse, die an einem günstigeren Punkt in Dresden wohnten und dank 9-Element-Antennen Bayern3 oder RIAS2 halbwegs störungsfrei auf UKW hören konnten, staunten nur, was ich aus meinem alten Kasten herausholen konnte. Die erste (und bis zuletzt beste) Idee war es, den Antennendraht um die vom Lack befreite Gasleitung zu wickeln, die seit kurzem den Außenwandgasheizer der elterlichen Stube mit modernem Brennstoff versorgte. Ein doppelter Profit also, den ich aus der schwerfälligen, aber steten Modernisierung der DDR ziehen konnte. Der nächste erreichte Schritt im Kampf um die Verbesserung der Lebensbedingungen warf mich jedoch wieder ein wenig zurück: Seit einiger Zeit gab es, zunächst auf Stimme der DDR, viel später dann auf einer eigenen Frequenz, ein neues dauerhaftes Programmfenster, Jugendradio DT64. Ich war daran kaum deshalb interessiert, weil im Büro der ausgesprochen hübschen FDJ-Leiterin meiner Schule eine tönerne Plakette hing, auf der "Hört! Hört! DT64" stand. Das hatte mich schon allein sprachlich nicht wirklich umgehauen. Irgendwie hatte ich darin einen tieferen Sinn gesucht, der im Text dieser Plakette aber einfach nicht zu finden war. Das bessere Argument für diesen Sender war die zu hörende Musik und freilich auch die jugendnahe Sprache, die eher berlinerisch als sächsisch war. Das Problem beim Hören von Themen, die mich als adoleszenzwilligen Bürger um einiges genauer ansprachen, als die Hitparaden beim SR-Fernempfang oder der Pseudohumor der sonntäglichen RIAS2-Hitparade, war nur, dass dieses sehr persönliche Ansprechen durch den Sender quasi unter Aufsicht meiner Eltern geschah, da das vorerst einzige UKW-Radio der Wohnung in der Küche stand. Zum Glück war diese Peinlichkeit alsbald vorbei und ich konnte dann nicht nur die Sendungen "Mensch, Du" oder "Mensch-Mensch" mit dem streng humanistischen Psychoanalytiker für leichte Fälle, Joachim Maaz, für mich in meinem Zimmer hören, sondern auch die - na klar - sonntägliche hitparadenähnliche Sendung. Okay, die Musik hatte nicht so gegroovt und man hörte immer, wenn für das zentrale Musikproduktionsstudio des DDR-Rundfunks ein neuer Synthesizer beschafft werden konnte, weil der dann in fast allen neuen Produktionen eingesetzt wurde. Aber sowohl die Musik als auch die Rede darüber hatten irgendwie direkter mit meinem Leben zu tun. Ich konnte mir dabei mehr Authentizität imaginieren, als es das "freie Stimme einer freien Welt"-Geschwätz je vermochte. Später kamen halbwegs pünktlich AG Geige, leicht verzögert HipHop und - quasi als Abschluss - vor allen anderen Sendern Techno an mein Jugendradio-Ohr, was durch diverse Parocktikum-Sendungen schon stets gelernt hatte, nur bei schrägen und experimentellen Sounds entweder hervorragend einschlafen oder es als wirkliches Nebenbei-Medium nutzen zu können, was bis heute gilt. Nach dem reinen UKW-Radio war der nächste Schritt ein echter Kassettenrekorder mit Radio, um mitschneiden zu können. Das machte zwar der Sache nach unheimlichen Spaß - von den Kumpelbesuchen mit "Überspielkabel" ganz zu schweigen - mit der neuen Kulturtechnik des Hörens unabhängig vom Radioprogramm musste ich jedoch erst lernen umzugehen. Im Vordergrund stand das Sammeln oder besser "Haben" von Mitschnitten, nicht dessen Hören. Jegliches Hör-Interesse an den Songs war durch die vielmaligen Überspielaktionen bereits eh mehr oder weniger verbraucht. Einen richtigen Platz im Alltag hat radiounabhängiges Hören jedenfalls (bis auf das spätere Auto) nach wie vor nicht gefunden. Ausgestattet mit den einfachen, aber ausreichenden Techniken und mittlerweile einigen Hörerfahrungen, entstand irgendwann das Bedürfnis, endlich auch mal selbst aktiv zu werden. Sei es der Begriff des Tape-Scratching, in dessen Technik es angeblich ein Sowjetbürger zu bisher unbekannter Fertigkeit gebracht hatte, wie man irgendwo gehört hatte, sei es auch deshalb, weil im Radio Hörereinsendungen gespielt wurden, so wie sie waren. Kassettenrekorder-produzierter DDR-HipHop, etwas Lebendigeres war für mich zu der Zeit kaum vorstellbar. So musste der eigene "Kassi" recht bald für wüste Rec-Pause-FastForward-Stop-Sessions herhalten, die das Mitschneiden und Kopieren endlich aus dem engen Korsett der möglichst vollständigen Songarchivierung befreiten. Mehr oder weniger kreative Mixe aus Musik-, Sprach-, Filmsamples entstanden und kursierten, durch das dank der nahenden Wende endlich verfügbare Doppelkassettendeck in der Herstellung deutlich erleichtert. Ewig später, es war wohl 1991, hatte auch mein Radio-Ich etwas unsanft erfahren müssen, dass die Zeit der gefühlten Offenheit bald vorbei sein würde und ich in meiner Beziehung zum Radio um Lichtjahre zurückgeworfen werden sollte: Mein nach wie vor einziger Sender war über Nacht und ohne Vorankündigung abgeschaltet worden. Ich dachte wirklich, die Amis kommen: Statt DT64 klang RIAS2 aus meinem Radio! Kein Täuschen, keine Halluzinationen, nichts! Es war die altbekannte Frequenz - Das war wirklich so! Gut, dank der vielen Proteste vorerst nur für wenige Tage, aber es war mir dadurch klar geworden, dass auch ich meinen Arsch endlich hochkriegen musste. Als im Herbst 1992 auf DT64 eine Kontaktadresse eines Vereins in Dresden durchgesagt wurde, der sich zum Ziel gesetzt hatte, einen eigenen, nichtkommerziellen Sender aufzubauen, bin ich da hingegangen. Den Mut dazu hatte ich nur deshalb, weil die Adresse nur eine Querstraße von meiner Wohnung entfernt lag. Jedenfalls war dies ein gutes Jahr vor dem offiziellen Sendestart von coloRadio im Juli 1993. Genau der richtige Zeitpunkt. |